Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Rezension
"Corpus Delicti" - Ein Film von Lena Stahl
Wissenschaftlerin Mia Holl glaubt an die Methode, die Gesundheit und maximale Sicherheit für alle verspricht. Allerdings gerät ihr Weltbild ins Wanken, als ihr Bruder Moritz des Mordes beschuldigt wird. Sie beginnt, an der Methode zu zweifeln, und versucht, Beweise für die Unschuld ihres Bruders zu finden. Doch bei Freunden und Kollegen stößt sie damit nur auf Unverständnis. Nach und nach wendet sich jeder von ihr ab, denn schließlich ist die Methode unfehlbar. Aber stimmt das wirklich?
Buchverfilmungen müssen sich immer direkt den Vergleich mit ihrer Buchvorlage gefallen lassen. Deshalb möchte ich darauf hier größtenteils verzichten, da es sich um zwei unterschiedliche Medien handelt, die in diesem Fall auch unterschiedlich aufgebaut wurden, um eine spannende Geschichte zu erzählen.
Im Film werden wir direkt Zeuge davon, was Mia Holl als Wissenschaftlerin tagtäglich für die Methode tut. Sie entwickelt einen Chip, der es ermöglicht, die Gedanken von Menschen auszulesen. Dadurch sollen Menschen, die Probleme mit dem Sprechen haben, wieder sprechen können. Gleichzeitig lassen sich so noch mehr Gesundheitsdaten sammeln. Dabei hinterfragt sie die ethischen und moralischen Folgen ihres Handelns zu keinem Zeitpunkt. Auch sie selbst wohnt in einem Appartement, das mit neuester Technologie ausgestattet ist und ihren Gesundheitszustand ständig überwacht. Das Appartement fungiert dabei gewissermaßen als eine Art Alltagsbegleiter. Ich fand dieses futuristische Leben bereits sehr beklemmend und in gewisser Weise auch grenzüberschreitend. Vor allem, weil jeder einem System folgt, das darauf ausgelegt ist, die Menschen ständig zu kontrollieren und zu optimieren.
Ein Wechsel erfolgt erst, als Mias Bruder auf dem Bildschirm erscheint. Erstmals sehen wir Natur in Form eines Sees und eines Waldes, die allerdings von den Menschen in der Stadt nicht betreten werden dürfen und als Sperrgebiet gelten. Warum das so ist, wird zu keinem Zeitpunkt erklärt. Man erfährt lediglich, dass sich dort regelmäßig die sogenannten „Chip-Gegner“ treffen. Ihr Bruder gehört offenbar zu dieser Gruppierung und nutzt einen illegalen Chip, um seine Gesundheitsdaten und seinen Standort zu verschleiern. Allerdings wirkt er nicht wie jemand, der einen Aufstand plant, sondern eher wie jemand, der einfach nicht Teil dieses Systems sein und in Freiheit leben möchte. Die Methode akzeptiert ein solches Verhalten jedoch nicht.
Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass die Methode Mias Bruder etwas anhängen will, um ihn aus dem Weg zu räumen. Zwar bietet das Ende dann doch eine andere Auflösung (aus Spoilergründen möchte ich darauf nicht näher eingehen), aber allein die Tatsache, dass die Methode keine anderen Erklärungsversuche zulässt und jeden Diskurs mit den Worten „Die Methode ist unfehlbar“ im Keim erstickt, finde ich mehr als bedenklich.
Zurück bleibt ein Film über eine dystopische Welt, die einem System mehr vertraut als den Individuen innerhalb ihrer Gesellschaft. Auch der Prozess rund um Mia und Moritz Holl ist spannend inszeniert. Zudem entwickelt sich Mia im Laufe des Films vom braven Zahnrädchen des Systems zu einer Zweiflerin, die sich am Ende für ihren Bruder starkmacht.
Allerdings sind mir während des Films auch immer wieder lose Enden aufgefallen. So wird beispielsweise plötzlich ein Vater erwähnt, der schon immer gegen das System gewesen sein soll, obwohl er zuvor nie zur Sprache kam. Auch Moritz soll bereits in seiner Jugend systemkritische Gedanken gehabt und an Demonstrationen teilgenommen haben. Zudem hatte die Familie Holl offenbar eine Wohnung auf dem Land, das mittlerweile jedoch als Sperrgebiet gilt. Moritz redet plötzlich von seiner "idealen Geliebten" ohne vorherigen Kontext. Der Film setzt an manchen Stellen Dinge voraus oder geht über einzelne Aspekte hinweg, die mir allerdings wichtig erscheinen, um beim Zuschauer keine Irritationen aufkommen zu lassen.
Deshalb habe ich auch eingangs erwähnt, dass ich den Film größtenteils unabhängig von seiner Buchvorlage betrachten möchte. Wer den Film gesehen hat und mehr über einzelne Aspekte erfahren möchte, dem sei empfohlen, das Buch zu lesen. Der Film funktioniert grundsätzlich auch ohne Kenntnis der Vorlage und eignet sich durchaus als Einstieg, um eine Diskussion über diktatorische oder autokratische Systeme anzustoßen, beispielsweise im Schulunterricht.
Wer allerdings das Buch bereits gelesen hat und den Film als Ergänzung dazu sehen möchte, könnte enttäuscht werden, da einfach zu viel gekürzt wurde, um einen durchgängigen roten Faden für die Filmhandlung zu schaffen.



Kommentare
Kommentar veröffentlichen