Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert.

 Rezension 

"In Zeiten des blauen Lichts" 

von Paula McLain 

Alouette würde so gerne den Beruf ihres Vaters erlernen. Er ist einer der begabtesten Färbemeister in den Gobelin-Färbereien. Doch da sie eine Frau ist, bleibt ihr dieser Weg versperrt und sie kann nur den Beruf einer Wäscherin ausüben. Allerdings hält sie das nicht davon ab, ihre eigenen Experimente mit dem Färben von Stoffen zu machen, damit sie irgendwann ein Blau herstellen kann, das der Farbe des Mittelmeers zur Mittagszeit entspricht. Als ihr Vater jedoch ihre heimlichen Versuche entdeckt, gerät nicht nur Alouette in Gefahr, sondern auch gleichzeitig das Erbe der gesamten Gobelin-Dynastie.

Ich lese sehr gerne Bücher über Frauen, die selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen und auf diesem Weg sogar bereit sind, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen. Nichts anderes versprach auch dieser Roman über Alouette zu werden. So begleitet man diese junge Frau dabei, wie sie sich dazu entschließt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, ohne einen Gedanken an die Konsequenzen ihres Handelns zu verschwenden.

Gerade diese ersten Jahre von Alouette, in denen sie sich behauptet und auch kurzzeitig so etwas wie Liebe findet, fand ich am besten. Danach wird es etwas düsterer und Alouette muss mehrere Jahre in Gefangenschaft verbringen, weil ihr Handeln doch einige Konsequenzen nach sich gezogen hat. So muss sie fortan ihr Leben in einer Nervenheilanstalt verbringen und auch die menschenunwürdigen Behandlungen, die ein solcher Aufenthalt mit sich bringt, über sich ergehen lassen. Dennoch bleibt sie stark und versucht, Mittel und Wege zu finden, aus diesem Gefängnis zu fliehen, was ich unter diesen Bedingungen sehr bewundernswert fand.

Generell fand ich Alouette einen sehr gelungenen Charakter, und ich habe gerne mit ihr mitgefiebert, ob es ihr gelingt, sich aus den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Allerdings erschloss sich mir nicht, warum die Autorin neben dieser Handlung noch eine zweite Zeitebene eröffnet, in der ein junger Arzt im Paris der 1940er-Jahre begleitet wird. Dadurch wirkt die Geschichte stellenweise etwas überladen, da zusätzlich zu den bereits präsenten Themen wie der Stellung der Frau auch der Nationalsozialismus und die Judenverfolgung eine zentrale Rolle einnehmen. Meiner Meinung nach wäre das nicht notwendig gewesen, da es sich hierbei um sehr große und komplexe Themen handelt, die im Roman jedoch nur angerissen werden und dadurch nicht die Tiefe erhalten, die ihnen eigentlich gerecht werden würde. Zwar verstehe ich, dass die Autorin das Motiv des „Strebens nach Freiheit“ aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten wollte, die sich am Ende in Paris überschneiden, doch dieser Gedanke hätte sich ebenso überzeugend allein über Alouettes Geschichte transportieren lassen. Vor allem, weil ich die Perspektive von Kristof auch einfach nicht so spannend fand.

Trotz allem ist es ein eindringliches Buch über die Fesseln der Gesellschaft und den Kampf darum, sich davon zu befreien. Ich kann jedem dieses Buch empfehlen, der eine Geschichte über eine junge Frau lesen möchte, die alles daran setzt, um endlich frei sein zu können.  

Vielen lieben Dank an den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar! 💖 

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