Bei Hofe gibt man viel Hände, aber wenig Herzen.

 Rezension 

"Der Gesang des Falken" 

von Lea Gerstenberger

In der jungen Marcelle sahen die Menschen schon immer nur den „italienischen Bastard“, dem ohnehin keine großen Ansprüche in Bezug auf eine standesgemäße Hochzeit zugestanden werden. Lediglich ihr Freund Jean, der Sohn des Großfalkners, begegnet ihr von jeher unvoreingenommen. Daher verbringt sie auch die meiste Zeit mit ihm, sehr zum Missfallen ihres Vaters, der befürchtet, dass ihre ohnehin fragile Ehre durch das Gerede der Höflinge weiter in Zweifel gezogen wird. Um dem entgegenzuwirken, verschafft er ihr eine Stellung im Gefolge der Königin, und Marcelle findet sich fortan inmitten des klatschfreudigen Hoflebens wieder. Dort jedoch begegnet sie auch Anne Boleyn und zwischen den beiden entsteht auf Anhieb eine Verbindung.

Seit ich die Serie „Tudors“ gesehen habe, bin ich bestens im Bilde, welche merkwürdigen Eskapaden sich Henry VIII. geleistet hat, und kann daher nicht wirklich ein gutes Wort über ihn verlieren. Allerdings ist das für dieses Buch auch unerheblich, da es anders als ich vermutet habe, gar nicht um die Anfänge zwischen ihm und Anne Boleyn geht, sondern die Geschichte dreht sich um Marcelle und wie es für sie ist bei Hofe zu leben.

Dadurch bekommt sie natürlich das schwierige Verhältnis zwischen den Schwestern Mary und Anne Boleyn mit oder so manche andere tragische Geschichte, die in dieser Zeit bei Hofe stattgefunden hat. Allerdings ist sie nur eine Beobachterin. Sie hat selbst genug damit zu tun, ein gutes Ehrenmädchen für die Königin zu sein und ihren Stand durch eine Heirat zu verbessern. Zudem würde sie gerne ihre Malerei verbessern und einen Lehrer finden, der sie in diesem Vorhaben unterstützt, aber wie bei so vielen Sachen zur damaligen Zeit ist auch der Malereiunterricht den Männern vorbehalten.

Immer wieder wird die Geschichte auch aus Jeans Perspektive erzählt. Er wagt es jedoch nicht, Marcelle seine Gefühle zu gestehen, da er selbst noch um seinen Platz an der Seite seines Vaters kämpft. Das bringt zwar eine gewisse Abwechslung in die Erzählung, dennoch hatte ich insgesamt Probleme mit der Erzählweise. Aus meiner Sicht stand der Ausgang der Handlung bereits nach dem Prolog fest, wodurch für mich ein Großteil der Spannung verloren ging. Grundsätzlich kenne ich diese Art von Einstieg, bei dem das Ende vorweggenommen wird und sich die Spannung daraus speist, den Weg dorthin nachzuverfolgen. In diesem Fall hat es für mich jedoch nicht funktioniert, da früh klar wurde, wer am Ende mit wem verheiratet sein wird. Entsprechend konnte ich das emotionale Drama zwischen Marcelle, Jean und Philippe nur schwer nachempfinden, weil die Entscheidung letztlich absehbar war.

Wenn man über diesen holprigen Start hinwegschaut, erlebt man allerdings eine interessante Perspektive auf die historische Figur der Anne Boleyn, über die man aus heutiger Sicht doch viel zu wenig weiß.

Ich kann jedem dieses Buch empfehlen, der eine Geschichte über eine junge Frau lesen möchte, die sich nach und nach mit Anne Boleyn anfreundet.

Vielen lieben Dank an Droemer Knaur für das Rezensionsexemplar! 💖 

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