Lass deine innere Stimme nicht vom Krach, den die Anderen machen, ersticken.
Rezension
"Hazel sagt Nein"
von Jessica Berger Gross
Hazel muss gezwungenermaßen mit ihrer Familie aus dem schönen New York in das kleine Provinznest Riverburg in Maine ziehen, weil dort ihrem Vater ein Lehrstuhl angeboten worden ist. Ein Jahr vor ihrem Abschluss muss sie an einer neuen Schule Freunde finden, gute Noten schreiben und viele außerschulische Aktivitäten belegen, um an ihrem Traumcollege Vassar angenommen zu werden. Doch schon der erste Tag an der neuen Schule macht ihr einen Strich durch ihre Pläne, als der Direktor sie in sein Büro rufen lässt und ihr ein anzügliches Angebot macht.
Schon als ich damals den Klappentext in einer Vorschau gelesen habe, war ich regelrecht geschockt von der Vorstellung, dass ein Direktor sich eine Schülerin aus der Abschlussklasse heraussucht und sie auffordert, mit ihm zu schlafen. Ich wollte unbedingt wissen, wie Hazel mit dieser Situation umgeht und was es für Konsequenzen nach sich zieht. Vor allem hatte ich Angst, dass es wieder eine Geschichte ist, in der es keinerlei Konsequenzen für den Täter gibt, aber dafür viele Konsequenzen für das Opfer.
Über weite Teile des Buchs haben sich auch meine Ängste bestätigt. Viele Gemeindemitglieder von Riverburg nehmen den Direktor in Schutz, da sie nicht glauben können, dass er zu so etwas fähig ist, und halten Hazel für die Schlange, die ihn verführt hat. So wird die Familie mit vielen Anfeindungen konfrontiert, die mit der Zeit immer schlimmer werden. Das geht sogar so weit, dass Hazel und ihr Bruder Wolf das Haus nicht mehr verlassen, weil niemand mehr mit ihnen befreundet sein will.
Allerdings gibt es auch Leute, die an Hazel und ihre Geschichte glauben, weil ihnen etwas Ähnliches passiert ist oder sie sich nicht vorstellen können, dass Hazel in diesem Punkt lügt. So schafft sie es, die Stimme einer Generation zu werden, und kann in Podcasts und Zeitschriften über ihr traumatisches Erlebnis sprechen, um anderen Betroffenen Mut zu machen. Ich fand es schön, dass dieser Albtraum ab einem gewissen Punkt auch positive Aspekte hat, aber viele Entwicklungen gingen mir einfach zu schnell. Gerade die Gedanken ihrer Mitschüler hätten mich interessiert, aber die reagieren bis auf einige wenige Ausnahmen nicht auf sie, obwohl sie in Foren scheinbar das Stadtgespräch ist.
Generell fand ich es aber stark, wie selbstbewusst Hazel von Anfang an auftritt und „Nein“ sagt. Obwohl sie innerlich viel darüber nachdenkt, was sie tun soll, wie sie auf andere wirkt und welche Konsequenzen ein Nein haben kann, entscheidet sie sich für die einzig richtige Antwort. Auch später ist sie sehr reflektiert, wenn es darum geht, eine Beziehung mit einem Collegestudenten anzufangen oder einen Buchvertrag abzulehnen. Ebenso sieht sie es kritisch, wie schnell sie Erfolg hat und wem sie diesen Erfolg eigentlich zu verdanken hat. Gerade wegen Hazels Charakter fand ich das Buch wahrscheinlich so gut, weil sie einem Mut macht, für sich einzustehen.
Ich kann jedem dieses Buch empfehlen, der eine starke Geschichte über eine junge Frau lesen möchte, die sich für die einzig richtige Antwort entscheidet und dafür von der Gesellschaft verurteilt wird.
Vielen lieben Dank an Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar! 💖



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