Macht ist eine hungrige Bestie.
Rezension
"The Red Winter"
von Cameron Sullivan
Professor Sebastian Grave kümmert sich gerade mit seinem Partner Sarmodel um eine neue Mandantin, als er von einem gewissen Jacques Avenel d’Ocerne aufgesucht wird. Er möchte, dass Sebastian nach Gévaudan zurückkehrt und endlich den Vertrag erfüllt, den er vor so vielen Jahren geschlossen, aber nie beendet hat. Sebastian ist mehr als verwirrt, denn es sind mittlerweile 20 Jahre vergangen. Doch die Schrecken, die der rote Winter damals mit sich brachte, wiederholen sich erneut und Sebastian ist gezwungen, genau an den Ort zu reisen, den er schon lange hinter sich lassen wollte.
Die Bestie des Gévaudan wurde schon in einigen Büchern verewigt, was kein Wunder ist, da man sich bis heute nicht sicher ist, ob es diese Bestie wirklich gab. Auch ich habe schon einige Bücher darüber gelesen und war deswegen auch gespannt, wie die Bestie nun in diesem Buch umgesetzt wird.
Dabei spielt die Bestie anfangs noch eine eher untergeordnete Rolle, denn es geht zunächst darum, Professor Grave, seinen Partner Sarmodel und seine Untergebene Livia besser kennenzulernen, da alles miteinander verwoben ist und die Bestie ein wichtiger Bestandteil ihrer Vergangenheit darstellt. So begleitet man Sebastian und den Boten Jacques bei ihrer beschwerlichen Reise nach Gévaudan, in der Sebastian Stück für Stück seine Vergangenheit offenbart. So spielen die Kapitel abwechselnd in Ost-Piemont im Jahre 1785 und in Gévaudan im Jahre 1766. Ich fand diesen Wechsel spannend, da man von Anfang an merkt, dass so viel mehr hinter dieser Jagd auf die Bestie steckt. Sebastian versteckt sich zwar oftmals hinter Sarkasmus, wenn er seine Geschichte erzählt, aber man fühlt auch den Schmerz.
An vielen Stellen hat mich Sebastian auch an eine Mischung aus Geralt von Riva aus „The Witcher“ und an Gabriel de León aus „Empire of the Vampire“ erinnert: Ein Antiheld mit gebrochenem Herzen und einem großen Paket an Sorgen auf dem Rücken. So verbirgt sich hinter der Bestie auch eine tragische Liebesgeschichte, die Sebastian nie ganz überwunden hat. Allerdings hebt sich Sebastian in einem Detail von den anderen beiden ab: Er hat einen Pakt mit einem Dämon geschlossen, mit dem er sich auch seinen Körper teilt. Dabei bleibt Sarmodel die meiste Zeit in seinem Körper und erinnert ihn nur daran, dass es Zeit ist, etwas zu essen, wenn er Hunger auf Seelen hat. Ich fand die Beziehung der beiden sehr interessant, da es oftmals über das normale Maß einer Wirtsbeziehung hinausgeht, wenn sie sich z. B. im Geist im wahrsten Sinne des Wortes miteinander vereinigen.
Generell schlägt das Buch an vielen Stellen einen rauen Ton an und viele Machtdarstellungen funktionieren über Vergewaltigungen oder das männliche Geschöpfe (darunter auch Dämonen und die Bestie) in der Hitze des Gefechts ihr bestes Stück wie eine Lanze präsentieren. Solche Passagen in Büchern öden mich eigentlich nur noch an, weil sie mir zu primitiv sind und es mittlerweile bessere Wege gibt, seine Macht zu demonstrieren. Allerdings zeigen sie auch, dass scheinbar viele männliche Geschöpfe nur primitive Tiere geblieben sind, die sich gerne gegenseitig an die Gurgel gehen. Deswegen hat mir auch das Nachwort des Buchs so gut gefallen (das ich jetzt nicht spoilern werde), aber Sebastian selbst geht darauf ein, dass die Bestie eigentlich nur sinnbildlich für etwas steht, und ich würde ihm in diesem Punkt auch zustimmen.
Alles in allem hatte ich einige tolle Lesestunden mit dem Buch und bin gespannt, was der Autor in Zukunft mit dieser Welt anfangen wird. Ich kann jedem dieses Buch empfehlen, der herausfinden will, was sich hinter der Bestie von Gévaudan verbirgt und wieder mal Lust auf ein Dark-Fantasy-Buch hat.
Vielen lieben Dank an den S.Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar! 💖


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